Der gute Mensch von Reyhanli

Hassan Naggar hat noch die Folterknäste von Hafiz al-Assad, dem Vater des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad kennengelernt.
1979 behandelte er als Arzt in Aleppo Demonstranten, die von der Polizei schwer verletzt worden waren. Dafür kam er für ein Jahr in Haft.
Als er freikam, verließen Naggar und seine Frau, eine Deutsche, Syrien. Der Allgemeinmediziner eröffnete eine Praxis in Ludwigsburg, wo er mehr als 20 Jahre Patienten behandelte.
Vor fünf Jahren, mit 75, ging Naggar in Rente – und wurde wenig später krank: Bluthochdruck, verengte Herzkranzgefäße. Es war, als würde sein Körpern den Ruhestand nicht ertragen.
Als er 2012 von der Flüchtlingskatastrophe in der Südtürkei hörte, fuhr er los, um sich ein Bild von der Lage zu machen. „Eine Katastrophe“, sagt er. Die Erstversorgung Verwundeter sei zwar durch die Türkei gewährleistet, doch die Hunderttausenden Syrer, die in der Grenzregion leben, sind zum großen Teil allein gelassen. Hassan Naggar fragte gar nicht erst um Erlaubnis. Er eröffnete einfach so eine private Klinik.
Heute finanziert er mit Spenden die Arbeit von zehn syrischen Ärzten in Reyhanli, wo Zehntausende Flüchtlinge leben. Etwa 500 Patienten suchen seine Klinik täglich auf. Ein Team von darunter Internisten, Zahnärzte, Chirurgen, Orthopäden und anderen Fachärzten kümmern sich um Polio-Impfungen für Kinder, Hautkrankheiten, entzündete Zähne und vieles mehr. Allein, dass es syrische Ärzte sind, die hier arbeiten, sei ein großer Vorteil sagt Naggar. „Die Menschen haben Vertrauen und können sich problemlos verständigen.“
Hassan Naggar hat kürzlich seinen 80. Geburtstag gefeiert. Er schuftet neun Monate im Jahr selbst in der Klinik in Reyhanli. Die körperlichen Beschwerden, die seine Pensionierung mit sich gebracht hatte, sind mit dem Aufbau der Klinik verschwunden.

Veröffentlichung Magazin Focus im Januar 2016. Text Mathias Becker